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Nutzerzentrierung - Wettbewerbsvorteil oder Mindeststandard

21. Apr. 2016

Medtec Europe - April 2016
Editorial des Messekatalogs - von Thomas Ullmann

Unser Gesundheitssystem durchläuft einen radikalen Wandel, der mit einem massiv wachsenden Ungleichgewicht zwischen den Beteiligten einhergeht. Hochspezialisierten Fachärzten steht ein Mangel an Hausärzten und Pflegepersonal und eine steigende Anzahl älterer und kränkerer Patienten gegenüber. Die Folge ist, dass der Patient immer mehr medizinische Tätigkeiten wie das Bedienen von Ernährungssonden oder das Verabreichen subkutaner Injektionen selbst vornehmen muss. Gleichzeitig gibt es immer mehr Personal in medizinischen Einrichtungen, das unter größerem Zeitdruck mit weniger Fortbildung aufwändigere Aufgaben an medizintechnischen Apparaten ausübt. Somit verschwimmen die Grenzen zwischen Patienten und Fachkräften.

Für die Entwicklung von Medizintechnik ist es daher wichtig, die Perspektive schnell zu ändern. Die Trennung zwischen dem Patienten und der Fachkraft als Nutzer ist nur noch bedingt existent. Natürlich wird ein Pfleger oder Arzt immer die Möglichkeit haben, an einem neuen Gerät geschult und eingewiesen zu werden. Ist die Bedienung des Gerätes aber so klar, einfach und sicher, dass es auch ein Patient ohne Einweisung problemlos nutzen kann, ergeben sich eine Reihe von Vorteilen:

  • Die Fehlerwahrscheinlichkeit und -häufigkeit nimmt ab. Das erhöht die Sicherheit bei der Anwendung.
  • Die Kosten und der Zeitaufwand für Einweisung und Schulung sinken.
  • Ausweitung der Zielgruppe: Je einfacher ein Produkt zu verstehen und zu bedienen ist, desto größer ist die potenzielle Zielgruppe.

Abgesehen von den Kosten halten uns nur gesetzliche Hürden noch davon ab, einfache Diagnosetools selbst zu nutzen und das Ergebnis live via Skype mit einem Arzt zu teilen und zu diskutieren. Denn gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen werden bereits heute häufig zu einem hohen Maß an Selbständigkeit angehalten, um die Behandlung einfacher und für die Krankenkassen kostengünstiger zu machen.

Damit eröffnet sich auch ein komplett neuer Markt. Was ist, wenn Dialysepatienten in Zukunft die Dialyse selbst durchführen möchten, um so den Weg zum Dialysezentrum zu sparen? Oder Sportler zu Hause ihre Blutwerte engmaschig kontrollieren und auswerten möchten?

Gerade im eng umkämpften Markt der Medizintechnikentwicklung ist es ratsam für die Unternehmen, den potenziellen Nutzerkreis weiter zu fassen und die Entwicklung auf diesen auszurichten. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Nutzerzentrierung zur Standardanforderung wird.


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